„Flirt mit der Zukunft“. Riesige Herausforderungen für deutsche Mittelständler.

Seminar-Reportage vom Deutschen Mittelstands-Summit 2016 in Essen.

Meine 2. Teilnahme am Deutschen Mittelstands-Summit macht mich zu einem „Stammgast“ dieser exklusiven Veranstaltung; jedenfalls tut es gut, das eine oder andere bekannte Gesicht zu sehen. Was mir noch positiver in Erinnerung geblieben ist: Deutschlands Mittelständler – jedenfalls die Mehrzahl der über 1000 Teilnehmer dieser „Pflichtveranstaltung“ für innovative Unternehmer – sind im digitalen Zeitalter angekommen. Sie flirten weniger mit der Zukunft, wie die schlagfertige Moderatorin des Abends, Judith Rakers mit dem Roboter Benny, sondern sie gestalten Zukunft. Innovativ, erfolgreich und konsequent! PS: meine Reportage kommt etwas spät und das ist der Grund: Seit einigen Monaten häufen sich meine Einladungen an entsprechenden Veranstaltungen teilzunehmen. Das führt dazu, dass meine Seminar-Reportagen sich verzögern. Sorry, liebe Leser/innen. Dieser Text gilt jedenfalls bis zum nächsten Mittelstands-Summit!

Mittelstands Summit 2016
Matthias Horx: „Lesen Sie Robert Kegan für einen klaren Zukunftsblick“

Matthias Horx: Die Wirtschaft von Morgen braucht „Star-Trek“-Teams!
Ein ernst gemeinter und eindrucksvoll illustrierter Vortrag von dem Zukunfts-Guru Matthias Horx. Nun, Gurus haben den Vorteil, dass Sie eine bunt gemischte Themen-Palette in den Veranstaltungs-Raum werfen können, und diese Voraussagen rhetorisch brillant verpacken. Matthias Horx macht da keine Ausnahme und trotzdem ist seine Präsentation anders (und besser) als die seiner zahlreichen Kollegen. Wenn er (Horx) von Unternehmen in Zukunft andere Qualitäten verlangt, die Wichtigkeit von Vernetzung predigt und empfiehlt, interkulturelle Führungsteams (Zusammensetzung wie in dem Film Star-Trek) zu installieren, so klingt das plausibel und nachvollziehbar. So fällt auch die Beurteilung der Teilnehmer über Horx Vortrag durchweg positiv aus: „Besonders imponiert hat mir die Empfehlung, das lineare Denken zu verlassen, obgleich es doch in der Vergangenheit gute Ergebnisse gebracht hat. Das werde ich mir merken“, so Andreas Langer, Ingenieur bei Carl Zeiss, einem Preisträger des Mittelstand-Summits.

Mittelstands Summit 2016
Provokativ und kontrovers verlief die Podiumsdiskussion; jedenfalls nicht langweilig.

Podiumsdiskussion: „Luftmatratze als Start für ein globales Unternehmen. Insolvenz als Chance für Neubeginn. Und: Endlich Spaß beim Brillenkauf.“
Eine bunte Runde hat der Veranstalter für eine wirklich spannende Podiumsdiskussion zusammengestellt. Sie sitzt wie folgt auf dem Podium: Der Deutschland-Chef von Airbnb, Alexander Schwarz, Matthias Stotz, GF der Uhrenmarke Junghans, Dirk Graber, CEO von Mister SPEX. Als Moderator und Provokateur fungiert der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar. Die Gründungs- bzw. Wiederbelebungsgeschichte dieser Unternehmen. Airbnb entstand aus der Idee, Studenten-Freunden, die sich im teuren San Franzisco kein Hotel leisten konnten, die hauseigene Luftmatratze zum Übernachten zu Verfügung zu stellen. Junghans nutzte die Insolvenz für einen radikalen (digitalen) Neuanfang. Mr. Spex entstand aus einer Analyse im konventionellen Bereich: Dirk Graber stellte fest, dass die Gewinnspannen in der Optiker-Branche extrem hoch sind, außerdem gehen Kunden nicht gerne zum Brillenkaufen in ein Geschäft. Mr. Spex hat aus diesen Erkenntnissen ein veritables Geschäftsmodell gemacht. Spannend zu hören, mit welchen „Wahrheiten“ es diese Unternehmen an die Spitze geschafft haben. Ebenso verblüffend war die Frage von Yogeshwar, ob diese drei erfolgreichen Geschäftsmodelle tatsächlich Innovationen sind, oder nur neue Vertriebswege beschritten werden. Ein Frage, die auch bei den Teilnehmern kontrovers diskutiert wurde. So kommentierte Tania Kühne aus Hamburg, die provokative These von Yogeshwar ziemlich deutlich: „Natürlich sind alle drei Geschäftsmodelle reinrassige Innovationen. Und reden fällt immer leichter, als an seiner Idee ständig zu arbeiten“. Lassen wir es so stehen... einverstanden?

Mittelstands Summit 2016
Michael Groß lässt so manche Frage offen.

Dr. Michael Groß: „So machen Sie Ihre Mitarbeiter zu Fans“.
Leider konnte ich Michael Groß (Sie erinnern sich: Olympia-Sieger und Weltmeister im Schwimmen) nicht persönlich erleben, weil ich an einem anderen Workshop teilnehmen wollte (mein Kommentar dazu folgt gleich). Also habe ich mir seine Webseite angeschaut, um den im Vortrag angepriesenen „Rentention Navigator“(Definition siehe Wikipedia) näher kennen zu lernen, evtl auch zu testen. Das Ergebnis war sehr ernüchternd: Außer allgemeinen Texten, angereichert mit banalen, wiederkehrenden Statements habe ich leider nichts gefunden. Ganz zu schweigen, von der Textlastigkeit des Layouts... genug! Lieber Michael Groß, hoffentlich haben Sies bei Ihrem Vortrag besser hinbekommen?

Mittelstands Summit 2016
Utz Classen läßt sich nicht aus der Reserve locken; ob die (leider abwesende) Sahra Wagenknecht dieses Kunststück geschafft hätte?

Prof. Dr. Utz Claassen: „Was bei bei VW passiert ist, das hätte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen können“
Schon interessant, einen solch intelligenten und äußerst erfolgreichen Manger wir Utz Claassen bei einem „Live-Interview“ anhören zu dürfen. Die dezidiert gestellten Fragen von Steffen Klusmann, Chefredakteur des manager magazin bewirkten auch, dass Utz Classen bei der Beantwortung zur Hochform auflaufen musste. Generalthema des Interviews war die Frage, welches Vertrauen die Bürger in Unternehmen setzen. Oder: Wie groß der Verlust an Vertrauen in den letzten Jahren – aufgrund vieler Skandale – geworden ist. Dazu gibt es keine allgemein verbindliche Kennzahl. Sicher ist jedoch: Die Skepsis, ob immer nach ethisch einwandfreien Kriterien gearbeitet wird, ist gegenüber DAX-Konzernen wesentlich ausgeprägter, als bei mittelständischen Unternehmen. Auf die Frage, ob auch die Medien an dem schlechten Image von Unternehmen arbeiten würden,  antwortete Utz Claassen schlagfertig: „Der Deutsche geht nicht ins Bett, ohne eine Horror-Talkrunde im Fernsehen erlebt zu haben“. Leider hat Sahra Wagenknecht aufgrund der BREXIT-Entscheidung ihre Teilnahme kurzfristig abgesagt. Ein verbales Gefecht Wagenknecht-Classen wäre sicher einer der Höhepunkte des Mittelstands-Summit gewesen!

Mittelstands Summit 2016
Impressionen aus dem Berater-workshop. Leider keine kreativen Ergebnisse.

Innovationsworkshop für Berater: „Keine Ideenflut, sondern Statements zur Gewinnmaximierung“.
Ein Workshop während einer Veranstaltung ist immer eine gute Idee; er lockert die Stimmung und lockt aus den Teilnehmern Ideen heraus. Als Teilzeit-Berater und Cheftrainer der marketing akademie mittelstand habe ich mich gleichermaßen neugierig und motiviert zum Innovationsworkshop „Disruption und Digitalisierung: Was treibt den Wandel in der Mittelstandsberatung?“ angemeldet. Nach einer etwas akademischen Einführung des Moderators hatte ich schon erste Zweifel, ob die Aufgabenstellung von den Teilnehmern richtig verstanden wird. Die Ergebnisse der Gruppenarbeiten bestätigten meine Zweifel, denn jede Gruppe präsentierte völlig konträre Ideen zur gestellten Aufgabe. Aber was sage ich: Ich konnte kaum eine gute Idee entdecken, wie Berater in Zukunft Unternehmen bei der Realisierung von digitalen Geschäftsmodellen unterstützen wollen. Unisono wurde jedoch die Berater-Erwartung deutlich: Unsere Gewinn-Maximierung steht an erster Stelle! Meine Frage: Was hat das mit der gestellten Workshop-Aufgabe zu tun?

Mittelstands Summit 2016
Pressearbeit ist anders. Und Journalisten lieben Geschichten.

Sven Kamerar: „PR für ausgezeichnete Unternehmen – so gelingt die Medienansprache“
Einen wertvollen und praxisrelevanten Vortrag liefert schließlich Sven Kamerar zum Thema Pressearbeit für mittelständische Unternehmen. Wie schafft man es, mit einem scheinbar unsichtbaren Produkt Medienwirkung zu erlangen? Jeder wird mir Recht geben: Ein Aufgabe, an der selbst viele „ausgezeichnete“ Unternehmen und deren Marketing-Berater scheitern; außer sie holen sich ab sofort das Know-How für erfolgreiche Pressearbeit bei Sven Kamerar ab. Es sind vor allem medienwirksame Ideen, von denen Journalisten begeistert sind: Ein Autor, der als Pizzabäcker verkleidet, sein Buch bei BILD vorstellt. Oder das Bild einer Wüsten-Expedition, in deren Ausrüstung auch eine Komponente des Unternehmens eingebaut ist. Oder die Vorstellung eines Metzgerei-Betriebes, der seine Verkäuferinnen regelmäßig zu Kosmetik-Kursen schickt . . . und und und. Fazit: Selbstbeweihräucherung hat in der Pressearbeit keinen Platz!

Mittelstands Summit 2016
Zuwenig Geld ist schlecht. Zu viel Geld ebenfalls.

Andre´ Knöll: „Ein anderes Bild vom deutschen Mittelstand“
Bei aller berechtigten Begeisterung, die diese Reportage zutage bringt, darf ein Misston nicht fehlen. Den liefert – sicher ungewollt - Andre Knöll, der sich auf Finanzierungsberatung für Familienunternehmen spezialisiert hat. Interviewfrage: „Herr Knöll, ist es für KMUs schwierig, Kredite zu bekommen?“ kommt spontan die Antwort: „Alle Banken sind derzeit sehr freizügig bei der Kreditvergabe“. Frage Renner: „Welches Problem sehen Sie generell?“, Antwort Knöll: „Die meisten Unternehmen, nicht die hier Anwesenden, haben leider keine neuen Geschäftsmodelle. Sie verwalten nur den Stillstand“. Frage Renner: "Frustriert Sie das ab und an?" Darauf Andre Knöll: „Nein, das ist ein Ansporn für mich und mein Team. Und an kreativen Geschäftsmodellen beteiligen wir uns sogar.“

Mittelstands Summit 2016
Sieger feiern gern. Herzlichen Glückwunsch!

Sieger-Kuss verdient: Die Ausgezeichneten des Mittelstands-Summit.
Eine schier endlose Siegerehrung für die TOP 100 des Deutschen Mittelstandes und für Ihre Berater krönt den Abend der Veranstaltung. Es sprengt den Rahmen dieser Reportage, alle Unternehmen oder auch Berater zu nennen (das macht der Veranstalter umfangreich und detailliert). Drei „Innovatoren“ des Jahres 2016 möchte ich dennoch vorstellen: Die Firma FIAGON AG aus Berlin (Größenklasse A) die Firma iPoint-systems GmbH aus Reutlingen und die Firma QUNDIS GmbH aus Erfurt. Bei Interesse: Googeln!

Mittelstands Summit 2016
Die Abendveranstaltung bringt auch neue Sieger hervor.

Teilnahme verdient: Ideengeber am Abend.
Ich stelle mir natürlich immer wieder die Frage, ob ich als einfacher (einfältiger?) Schreiberling die Teilnahme an dieser Veranstaltung verdient habe. Die Antwort darauf hätte ich gerne von einigen Gästen des Mittelstands-Summit und darüber würde ich mich sehr freuen. Noch mehr würde es mich freuen, wenn die eine oder andere Idee, die ich gemeinsam mit Teilnehmern diskutiert habe, auch umgesetzt würde. In diesem Sinne verabschiede ich mich mit diesen Zeilen von Ihnen und hoffe, dass wir uns im nächsten Jahr wieder begegnen; als Stammpublikum des Mittelstands-Summit 2017!

Meine Gesamtbewertungen zu der Veranstaltung:

Themen: Aktuell und zukunftsorientiert, eine gute Mischung und viele Aspekte
Referenten: Fulminante Vorträge und optisch gute Präsentationen, works-shop-Moderatoren jedoch zu wenig qualifiziert in Metaplan-Technik
Organisation: Perfekt, aufmerksam, einfach gut.
Unterlagen: Vorträge teilweise ohne Unterlagen zum Nacharbeiten, jedoch generell kein Mangel
Gesamt: Nach dem Summit ist vor dem nächsten Summit. Werden Sie „Stammgast“!

Termin: 23. Juni 2017

Kontakt: www.deutscher-mittelstands-summit.de