„Wie das Eis in die Welt kam“

Reportage vom 4. Mittelstands-Summit in Essen

In diesem Beitrag erlaube ich mir, meine bisherige Report-Berichterstattung zu ändern. In den ersten beiden Berichten habe ich ausführlich über alle Vorträge, Referenten und Workshops geschrieben, diesmal greife ich lediglich zwei Themen heraus. Weil sie nach meiner Überzeugung die wichtigsten Botschaften enthalten, die ich Ihnen vermitteln möchte. Gleichwohl ist diese Reportage umfangreich geworden, ich hoffe, das Lesen fällt Ihnen leicht. Auch wenn es längere Texte sind.

Wie das Eis in die Welt kam.
Im 19. Jahrhundert war Eis, gewonnen aus den großen Seen rund um Boston, das wichtigste Exportgut der USA. Frederic Tudor, genannt der „Eiskönig“ lieferte in den Jahren 1820 bis 1864 Eis in die ganze Welt und schuf das erste global agierende Unternehmen. Rund 200 Schiffe seiner Eis-Flotte schickte Tudor Jahr für Jahr auf allen Ozeanen um die Welt. Nach Afrika, China, Japan, Indien, Südamerika, in die Karibik; überall und besonders in sehr heißen Regionen, war Tudors Eis der Verkaufsschlager. Besonders in der Oberschicht wurde das Eis aus Amerika zum Markenartikel, das bei keiner Cocktailparty fehlen durfte. Frederic Tudor, der Eiskönig aus Boston wurde unermesslich reich und hatte sich ein weltweites Netzwerk an Influenzen aufgebaut. Sein EIS-Imperium schien das ewige Leben gepachtet zu haben.

Bis im Jahre 1864 der Franzose Ferdinand Carrè eine „Kältemaschine“ erfand. Besser gesagt: Den Kühlschrank. Diese Innovation – zunächst belächelt und von den „Fachleuten“ mit Hohn überschüttet – war die Sterbeglocke für das erste, globale Unternehmen der Welt.

Mittelstands Summit 2017
Diese und weitere 200 Segelschiffe hatten eine kalte Ladung an Bord:
Eis aus Amerika für die ganze Welt.

Wie ein Imperium im Eis versinkt.
Frederic Tudor zog alle Register, um die ihm lästige Innovation zu verhindern. Sein Geld und seine Macht halfen ihm, viele nationale Regierungen zunächst auf seine Seite zu bekommen, dadurch Importverbote für Kühlschränke festzuschreiben, oder Handelshemmnisse zu erwirken. Sein Abwehrkampf hatte von Beginn an den Geruch der Niederlage an sich kleben; denn eine Innovation, die solche Vorteile bringt wie ein funktionierender Kühlschrank, lässt sich nicht aufhalten. Auch das Argument, dass tausende Menschen nun ihren Arbeitsplatz verlieren würden, hatte letztlich keine Bedeutung. Tudor verlor den Kampf um sein Imperium und der Name des ersten globalen Unternehmens ist heute vergessen.

Aus jüngster Vergangenheit kennen wir das Beispiel KODAK. Ein Global Player, welcher im Jahre 1990 noch einen Gewinn von 2,0 MRD US-Dollar ausweisen konnte; auch dieses Unternehmen ist sang- und klanglos vom Markt verschwunden. Heute erinnern sich nur noch wenige Menschen (meist ältere Semester) an den Markennamen KODAK.

Innovation als Haltung begreifen. (Ranga Yogeshwar)
Wie immer: Ein fulminanter und äußerst kreativer Vortrag des Mentors Yanga Yoeshwar, dessen Präsentation allein den Besuch des mittelstands summit lohnend macht. Dabei vermittelt Yogeshwar keine neue Wahrheiten; wie er es jedoch schafft, den Unternehmern den Wert und die absolute Notwendigkeit für Innovationen nahezubringen, das ist meisterhaft, amüsant und spannend. (Auch die EIS-Story stammt von ihm, ich habe sie nur nacherzählt). „Unternehmen finden die Suche nach Innovationen manchmal etwas lästig, wie sie außerhalb der eingespielten Routinehandlungen stattfindet. Ja, natürlich rufen Innovationen auch Ängste wach, aber damit müssen wir lernen umzugehen. Ich rate jedoch, Innovationen als Haltung zu begreifen. Das macht doch mehr Spaß, als eingefahrene Prozesse zu optimieren, manchmal so lange, bis das Unternehmen im Eis des Vergessens versinkt“. Dem kann ich nichts hinzufügen!

Mittelstands Summit 2017
Ranga Yoeshwar: Ihn zu erleben ist schon den Besuch wert.

Podiumsdiskussion: Kann man TRUMP begreifen?
Ehrlich gesagt, ich wollte –seit meinem letzten BLOG-Beitrag – kein Wort mehr über Trump und das für uns unbegreifliche Amerika schreiben.
Vor allem deshalb, weil ein solcher Text alles andere als objektiv ausfallen würde. Nun muss ich es doch tun: Weil es die vielen Fragen, die von den Teilnehmern an John Kornblum, ehemaliger US-Botschafter in Deutschland (1997 – 20001) gestellt wurden, nicht anders zulassen. „Wie soll es für Deutschlands Wirtschaft weitergehen, wenn im Weißen Haus Donald Trump sein Unwesen treibt?“ „Was treibt diesen Präsidenten an, welche Motive könnten wir ihm unterstellen?“ Und so weiter, und so weiter . . . Die Antwort Kornblums auf alle diese Fragen war ebenso einfach wie eindeutig: „Versuchen Sie nicht, TRUMP zu verstehen. Man kann ihn nicht begreifen; und schon gar nicht analysieren, wie es die Deutschen gerne tun. .“
Und damit Punkt. Machen Sie etwas aus dieser Antwort.

Mittelstands Summit 2017
Steffen Klusmann, Chefredakteur des „manager magazins“ im Gespräch mit John Kornblum.

Beruhigung: TOP 100 Unternehmen gibt es genug.
Insgesamt 262 Unternehmen in drei Größenklassen (maximal je Größenklasse) haben es nun wissenschaftlich dokumentiert: Sie zählen zu den innovativsten Unternehmen im Mittelstand und dürfen das zum 24. Mal verliehen TOP 100 Siegel tragen und für Ihre Werbung nützen. Meine Anmerkung dazu: Ich bin nun zum 3. Mal Gast dieser herausragenden Veranstaltung (Danke an das Compamedia-Team) und fahre stets mit großem Respekt von Essen nach München zurück. Respekt vor der großen Leistung vieler deutscher Unternehmer des Mittelstandes. Und es beruhigt mich ungemein, dass wir so viele innovative, mutige und intelligente Unternehmer haben. Was soll da schiefgehen in unserem Land?

Mittelstands Summit 2017
Die Preisträger mit der Jury.

 

Sebastian G. Renner
marketing akademie mittelstand