„Glück auf in Essen!“ Viele glückliche Stunden für deutsche Mittelständler.

Seminar-Reportage vom Deutschen Mittelstands-Summit 2015 in Essen

Essens Taxifahrer sind gewiss nicht in dieser Ruhrmetropole groß geworden, sonst würden sie das SANAA-Gebäude kennen. Auf dem Gelände dieses architektonischen Meisterwerkes, das heute Weltkulturerbe ist, fuhren früher die Kumpel unter Tage. Und kamen schwarz wie die Nacht wieder ans Tageslicht. Heute dient das SANAA-Gebäude als Austragungsort des Deutschen Mittelstands-Summits; einer hochkarätigen Veranstaltung mit Teilnehmern aus über 600 Unternehmern, Führungskräften und Beratern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Beim Mittelstands-Summit werden die besten und innovativsten Mittelständler mit – wohlverdienten – Preisen ausgezeichnet. (PS: Der Taxifahrer hat das SANAA-Gebäude letztendlich doch gefunden.) Und deshalb kann ich jetzt den BLOG-Beitrag schreiben. Er ist nicht „tauffrisch“, aber er gilt zumindest bis zum nächsten Mittelstands-Summit im Jahre 2016.

 

 Mittelstands Summit 2015

Ranga Yogeshwar: „Paradigmenwechsel“ schon bemerkt?

Stell Dir vor, wir erleben gerade eine digitale Revolution und keiner macht mit? Zu einer solch dramatischen Schlussfolgerung könnte man kommen, folgte man dem Eröffnungsvortrag von Ranga Yogeshwar Wort für Wort. So schlimm ist es jedoch für deutsche Mittelständler nicht bestellt, wenn es um die Nutzung digitaler Technik geht. Denn in der Praxis findet die Produktion 4.0 schon statt, jedoch nicht alle Chancen werden von mittelständischen Unternehmen derzeit konsequent genutzt. Gut, dass Yogeshwar in seinem Vortrag viele Ideen aufzeigte, auch solche, die sich außerhalb unseres Radars bewegen. Dazu Matthias Bader, von Bader-Pulverbeschichtung: „Yogeshwar hat mir spontan eine Idee eingegeben. So muss ein Vortrag ablaufen“. Fazit: Digital ist Chance! Oder Jobkiller. . .

Mittelstands Summit 2015

Podiumsdiskussion: „Verteidiger der alten Welt auf verlorenem Posten."
Ist es nicht seltsam, dass der mit Abstand älteste Teilnehmer (Prof. Scheer möge mir verzeihen) der interessanten Podiumsdiskussion die innovativsten Weisheiten parat hatte? Gerne hätte man auch vom Vertreter der Politik (NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin) einige zukunftsweisende Ideen gehört, sein Diskussionsbeitrag zum Thema „Herausforderungen Erfolgsstrategien für den Mittelstand“ war jedoch leider sehr vergangenheitsbezogen; „wir sind doch gut“, sagte er mehrmals, ein solcher Satz jedenfalls ist keine Motivation für erfolgshungrige Mittelständler. Eine coole Idee jedoch hatte Dr. Christoph Bönsch: In seiner Region haben sich einige Mittelständler zusammengetan und ein „Start-Up“ für junge Talente gegründet. „Weil junge Talente in unserem Betriebsalltag verkümmern“ so seine Begründung. Kompliment!

Mittelstands Summit 2015

Peer Steinbrück: Keine Aktivierung des „Belohnungssystems“ für Unternehmer.
Ein fundierter, fulminanter Vortrag des Altmeisters der politischen Rhetorik; und doch: wenig Beifall für Peer Steinbrück. Woran mag das liegen, dass ein solch intelligenter Politiker den Weg zum Herzen der Menschen nicht finden kann? Vielleicht liegt der Grund darin: Der Peer ist einfach zu direkt und zu ehrlich. Und er nimmt – leider –reflexhaft zu oft das Wort Steuererhöhung in den Mund, wenn es um Mehrleistungen des Staates geht. Und damit aktiviert er das „Belohnungssystem“ im Gehirn von Unternehmern in keinster Weise. Ja, mit solch ehrlichen Worten gewinnt man keine Wahlen; und auch wenig Fans beim Mittelstands-Summit!

Mittelstands Summit 2015

Kür der Sieger: Bühne frei für Ideen zum Staunen und Nachmachen.
Ein Haus auf dem Firmengelände, das ausschließlich dazu dient, Konflikte unter Mitarbeitern konstruktiv zu lösen? Hat man jemals so etwas Verrücktes gehört? Sven Tilch, Geschäftsführer eines Unternehmens aus dem Pflegebereich realisiert diese Idee seit Jahren. Wenn es Unstimmigkeiten in seiner Belegschaft gibt, so ziehen sich die Beteiligten in ein eigenes Haus zurück und suchen – mit Hilfe eines Moderators – eine Lösung für den Konflikt.

Weiteres Beispiel: Ein Unternehmen, das mit so profanen Dienstleistungen wie Schneeräumen sein Geld verdient, verdient mehr als alle Konkurrenten; weil die Mitarbeiter durch ihre Ideen für höhere Produktivität sorgen. So stimmt der Gewinn, trotz der mickrigen Preise, die öffentliche Auftraggeber häufig zahlen.

Beispiel aus der IT-Branche: Bei der Firma Infomotion in Frankfurt wird der „Wohlfühl-Faktor“ groß geschrieben, die Mitarbeiter genießen jeden erdenklichen Freiraum. Bewerber müssen von den Mitarbeitern akzeptiert werden, sonst bekommen sie keinen Vertrag. Und monatlich wird der „Wohlfühl-Pegel“ mittels eines Fragebogens erfasst und ggf. nachgebessert. Bei Infomotion möchte man Kunde sein, denn ein Wohlfühlfaktor strahlt natürlich auch nach außen.

Ganz klare Worte zu den Sieger-Kriterien kommen von Martin Hubschneider, Vorstandsvorsitzender CAS: „Führungskräfte sind heute gefordert, Sieger-Mentalität zu leben und zuzulassen. Bei uns tritt jede Führungskraft, welche keine Führungsfähigkeiten hat, in die zweite Reihe zurück, auch wenn er fachlich noch so überragend ist."

Die Liste von guten Ideen und intelligenten Innovationen ließe sich endlos fortsetzen. Besser ist es jedoch, vor Ort zu sein. Und ein Blogtext ist eben kein Roman . . .

Mittelstands Summit 2015

 

Mittelstands Summit 2015

Kritik zum Schluss: Auswahlkriterien lassen Fragen offen.
Unternehmen, die sich um eine Auszeichnung bewerben, müssen eine hohe Leidensfähigkeit aufweisen; so ist ein umfangreicher 30seitiger Fragebogen auszufüllen. Und natürlich kostet das Verfahren eine nicht geringe Gebühr. Die Auswahlkriterien jedenfalls, nach denen die Preisträger gekürt werden, lassen manche Frage offen. Auch die Information während des Verfahrens wird teilweise als nicht ausreichend gesehen. Und trotzdem: Jedes Unternehmen will sich erneut bewerben, auch wenn es den Weg aufs Siegertreppchen nicht geschafft hat.
Mein Kommentar dazu: TOP!

Bloggers Leid: Nur 2. Sieger beim Tischfußball
Früher, ganz früher, konnte ich mein kärgliches Taschengeld als „Kicker-Profi“ durch Tischfußball aufbessern. Beim Mittelstands-Summit jedoch wurde ich nur 2. Sieger! Und das im Einzel und im Doppel! Ob es an den drei Gläsern bestem Weißwein gelegen hat, dass meine Reflexe langsamer geworden sind? Gewiss denn mein Alter (69) spielt beim Tischfußball sicher keine Rolle...?

Mittelstands Summit 2015

Meine Gesamtbewertung zum Mittelstands-Summit 2015:

Themen: Sehr gute Mischung, hunderte innovative Ideen, fundierte Aussagen
Referenten: Sehr kompetent, teilweise humorvoll, lebendige Moderation
Organisation:Perfekt und aufmerksam, trotz der großen Teilnehmeranzahl
Unterlagen: Nur wenige verfügbar, jedoch bei der Fülle der Themen nicht anders machbar?
Gesamt: Pflichtveranstaltung für innovative, hungrige mittelständische Unternehmen, am besten dort „Stammgast“ werden. Nach dem Summit ist vor dem Summit...

Kontakt: www.deutscher-mittelstands-summit.de