Auftakt der mutigen Freigeister beim Ludwig Erhard Gipfel: Und ehrliche (Politiker-)Tränen zum Abschied.

„Das ist eine Landschaft wie aus dem Bilderbuch“, so Wolfgang Kubicki, angereist aus Deutschlands hohem Norden, einer der hochkarätigen Referenten beim 1. Ludwig Erhard Gipfel am 8. Januar 2016 in Rottach-Egern. An diesem Tag war das schöne Tegernseer Tal die Kulisse für einen höchst interessanten und lehrreichen Jahresauftakt, den rund 400 Entscheider aus Wirtschaft, Politik und Medien feiern konnten. „Von Ludwig Erhard lernen“, so das Motto der Konferenz, zum 1. Mal veranstaltet von der Mediengruppe Weimer, welche am Ende dieses langen Tages auch den Freiheitspreis der deutschen Medien an Michail Gorbatschow überreichen wollte.

Ludwig Erhard Gipfel
Jahresauftakt in malerischer Kulisse: Ludwig Erhard Gipfel am Tegernsee.

Doch zunächst zur Konferenz-Agenda und den – subjektiven – Eindrücken dieses Tages:

Prof. Dr. Ulrich Reinhardt: „In Zukunft wird alles besser; weil die Welt nicht so ist, wie wir sie (subjektiv) wahrnehmen!“
Aber, wie ist sie dann, unsere Welt? Ist sie, wenn wir in die Zukunft schauen, ein „verfluchtes Ärgernis nach dem anderen“ (Churchill) oder eine „Entdeckungsreise, die man mit neuen Augen sehen muss“ (Proust). In jedem Falle, so Reinhardt in seinem Eröffnungsvortrag, wird die Welt auch in Zukunft besser, so wie es schon in der jüngeren Vergangenheit war: wir haben weltweit weniger Armut, eine höhere Lebenserwartung, weniger Analphabeten und sogar einen Rückgang kriegerischer Handlungen! Was sagt man dazu? Reinhardt dazu auf Deutschland bezogen: „Die Angst ist der Zuversicht Herr geworden“. Dennoch ist er zuversichtlich, dass Ludwig Erhards Traum vom Wohlstand für alle nicht ausgeträumt ist, denn unsere Gesellschaft hat jede Chance, die anstehenden Zukunftsaufgaben zu meistern. Mein Kommentar: Deutschland hat schon andere Herausforderungen bestanden. Mein Rat: Eine fernsehfreie Woche einlegen!

Ludwig Erhard Gipfel
Ulrich Reinhardt setzt Fakten gegen die „German Angst“.

Georg Fahrenschon: „Die EU: In Vielfalt geeint? Oder durch Einfalt getrennt?“
Ist es Kritik an der eigenen Zunft, oder Kritik an der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank, die Fahrenschon in seinem leidenschaftlichen Appell an die Zuhörer formulierte? Dass billiges Geld keine Investitionen auslöst und schon gar keine Innovationen zur Folge hat, das sagt einem der gesunde Menschenverstand. „Die Signale, die von der EZB gesendet werden, sind kontraproduktiv. Dieses billige Geld und dieses Überangebot an günstigen Krediten trägt den Geruch der Krise“, so Fahrenschon. Schön und gut, einverstanden, Herr Fahrenschon! Nur leider bringt mich diese Erkenntnis, als Kleinunternehmer und Klein-Sparer auch nicht weiter. Was wäre denn die Alternative, wie hält Ihre Organisation, der Deutsche Sparkassen- und Giroverband dagegen? Gerne hätte ich dazu ein paar Ideen gehört . . . Trotzdem: ein fulminanter Vortrag!

Ludwig Erhard Gipfel
Das Veranstalterehepaar Weimer mit Georg Fahrenschon: Auftakt und Rede perfekt!

Ilse Aigner: „Der Markenkern Bayerns ist der Handschlag. Aber beide Partner müssen die Hände reichen“.

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Ilse Aigner auf dem Ludwig Erhard Gipfel

Wenn Bayern eine Frau wäre, so würde sie so gut aussehen wie die bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner. Ob der „Horstl“ -Seehofer (Luise Kinseher, Nockherberg-Kabarettistin) das auch so gesehen hat, als er Ilse Aigner aus Berlin zurück nach München geholt hat? Genug der Schwärmerei, denn Ilse Aigner hat auch wichtiges zu sagen. In Ihrem Vortrag schlägt sie einen weiten Bogen wie agil und global die bayerische Wirtschaftspolitik seit Jahren handelt. Vor allem: Wie der Dialog mit Russland, China, Iran und anderen wichtigen Handelspartnern gepflegt wird. Ilse Aigner geißelt auch – zu Recht – die Regulierungswut anderer Parteien, ganz im Sinne der über 350 anwesenden Freigeister. „Wenn ein Bäckermeister mehr Zeit aufwenden muss, Formulare zum Mindestlohn auszufüllen, als in seiner Backstube gutes Brot zu backen, dann stimmt was nicht, so Ilse Aigner zugespitzt. Einverstanden, Frau Aigner. Aber es gibt eben solche und solche (nicht nur) Bäckermeister! (PS: Ist nur eine Metapher . . .)

Ludwig Erhard Gipfel
Es gibt sie doch: Die Generation Digital Native.

Phillip Riederle: „Digital Native statt Digital Naive: Seid offen, die Welt dreht sich nicht zurück“.
Gerade mal 21 Jahre ist dieses Bürscherl, und ein solch frecher und erfrischender Auftritt beim Ludwig Erhard Gipfel! Philipp Riederle ist einer der führenden „Digitalen Köpfe Deutschlands“ und als solcher im Jahre 2014 von der Bundesregierung ausgezeichnet worden. Mit gerade 15 Jahren gründete er sein eigenes Unternehmen und berät heute erste Unternehmer-Adresse bei ihren digitalen Strategien. Sein Auftritt kommt einer gelungenen Stand-up-Comedy nahe, die Inhalte seiner Rede jedoch hatten es in sich: Er zeigte anhand vieler Beispiele, welche dramatischen Auswirkungen die Digitalisierung auf einzelne, höchst saturierte Branchen haben wird. Wer nicht mitgeht, wird untergehen, so Phillip Riederle. Und er fordert von unserer Regierung eine „massive Förderung der Medienkompetenz unter Berücksichtigung der digitalen Möglichkeiten.“ Ergo: Das gute alte Schulhaus und der Frontalunterricht haben ausgedient . . .

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Aprimus Notker Wolf und Wolfgang Kubicki sollte man öfter zusammen auf Podium schicken.

Die Podiumsdiskussionen unter der Moderation von Wolfram Weimer:
Podiumsdiskussionen können lebhaft oder anstrengend sein. Zum Stichwort Anstrengung: So sehr sich der kompetente Journalist Wolfram Weimer auch bemühte, die Banker-Runde war sich in der ersten Podiumsdiskussion selten so einig wie in Ihrer Uneinigkeit. Befragt nach Ihrer Einschätzung zur aktuellen Entwicklung an den Börsen und zur Lage der Weltwirtschaft, waren Ihre Antworten so unterschiedlich wie unverbindlich. Fazit: Nix Gewisses weiß man nicht . . .

Lebhafter und interessanter gestaltete sich die zweite Diskussionsrunde, welche mit so unterschiedlichen Köpfen wir dem Abtprimas Notker Wolf, dem bekannten FDP-Politiker Wolfgang Kubicki , Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt und Ralf Wittenberg Vorstand von BAT besetzt war. Einige Zitate, die ich wörtlich mitgeschrieben habe: Abtprimas Notker Wolf auf die Frage, wie er das Management von über 100 000 Mönchen, Schwestern und Mitarbeiter des Benediktinerordens bewältigt: „Meine Macht ist die Machtlosigkeit“. Wolfgang Kubicki versuchte daraufhin, Abtprimus Notker Wolf als Neu-Mitglied für die FDP zu gewinnen; Ausgang in dieser Frage: Offen. Alexander Dobrindt, der bei seinem Fernsehauftritten immer ein wenig muffig wirkt, entpuppte sich als cleverer und witziger Redner, seinen Leidensweg mit dem Thema „Ausländermaut“ jedenfalls schilderte er mit viel Witz und Selbstironie.

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Kein einziger Versprecher bei der 93-jährigen Luise Gräfin von Schlippenbach.

Luise Gräfin von Schlippenbach: „Wir können von Ludwig Erhard lernen. Vor allem seine Strenge“.
Äußerst lebhaft und amüsant erzählte die 94jährige Luise Gräfin von Schlippenbach von Ihrer Zeit als Referentin in der Presseabteilung Ludwig Erhards. Ihr Chef sei – entgegen seines gemütlichen Aussehens – äußerst streng und konsequent gewesen. Regelverletzungen oder Aufweichungen seines Konzeptes habe er nicht geduldet; auch gegenüber den Besatzungsmächten und gegenüber Adenauer habe er seinen Kurs durchgesetzt. Erhard habe es nicht gern gehabt, vom deutschen Wirtschaftswunder zu sprechen, „den Erfolg seiner Politik des Forderns und Förderns habe er den Bürgern zugeschrieben.“ Wir lernen von Ludwig Erhard: Es gibt keine neuen Wahrheiten, sondern nur neue Begriffe oder auch Anglizismen für altbekannte Lebens-Weisheiten.

Ludwig Erhard Gipfel
Eine Laudatio unter Tränen für Michail Gorbatschow.

Horst Teltschik: „Gorbatschow hat die Welt friedlich verändert. Er hat den Preis verdient“.
Horst Teltschik, der enge Vertraute des Altbundeskanzlers Helmut Kohl hielt eine bewegende Laudatio für den 1. Preisträger des Freiheitspreises der deutschen Medien, Michail Gorbatschov, der aufgrund einer Erkrankung leider nicht persönlich erscheinen konnte. Und schon nach einigen Sätzen konnte Teltschik seine Tränen nicht mehr zurückhalten, als er seine vielen persönlichen Begegnungen mit Michail Gorbatschow schilderte. Gorbatschow in seiner Video-Grußbotschaft aus Moskau an die Konferenz-Teilnehmer und das gesamte deutsche Volk: „Deutschland hat eine Schlüsselrolle in Europa und könne und solle mittels Dialog Brücken bauen. Deutschland solle entschiede gegen diejenigen vorgehen, welche wieder das Wettrüsten ankurbeln wollen.“ Auch die Medien wurden von Gorbatschow ermahnt, wahrheitsgemäß zu berichten und dabei keine Seite auszusparen. Und weil der Kongress mit einem Zitat von Cicero begonnen hat, schließe ich mit einem Cicero-Zitat: „Der ungerechteste Frieden ist immer noch besser, als der gerechteste Krieg“.

Ludwig Erhard Gipfel   Ludwig Erhard Gipfel
"Selfies" mit Ilse Aigner und Wolfgang Kubicki; die Ähnlichkeit mit dem Verfasser ist rein zufällig.

Meine Gesamtbewertung zum Ludwig Erhard Gipfel 2016:

Themen: Viele interessante Themen aus Politik, Wirtschaft und Soziologie, eine Menge neue Erkenntnisse
Referenten: Durchweg gute, teils mitreißende Präsentationen, witzige und kluge Diskussionsbeiträge(Kubicki ,Abtprimus Notker)
Organisation: Perfekte, professionelle Organisation, delikates Catering 
Unterlagen: Leider keine Unterlagen zu den Vorträgen, wahrscheinlich auch von den Teilnehmern nicht gewünscht
Gesamt: Ein fulminanter Jahresauftakt für kreative Freigeister. Wird bestimmt eine „Pflichtveranstaltung“.
Fazit: Nach dem Ludwig Erhard Gipfel 2016 ist vor dem Ludwig Erhard Gipfel 2017.

Kontakt: www.ludwig-erhard-gipfel.de